Kurt Römhild

Formalismusdebatte

Trotz der positiven öffentlichen Wahrnehmung wich die anfängliche Aufgeschlossenheit Römhilds gegenüber den Ideen der jungen Republik bald der Niedergeschlagenheit gegenüber den Unzulänglichkeiten des Alltags. Auf der Suche nach einem Atelier, das den erforderlichen Platz für die Technik des Siebdrucks bot, war er bereits 1958 von Suhl nach Weimar gezogen. Werkzeug- und Materialmangel bremsten jedoch den Schaffensprozess. Im Herbst 1959 musste er das mühsam eingerichtete Atelier kurzfristig räumen. Als Ersatz bezog er ein ehemaliges Fotoatelier, das er selbst als „in einem völlig abgenutzten und schadhaften Zustand“ beschrieb, „so daß Reparatur- und Renovierungsarbeiten notwendig waren, die ich finanziell und ausführungsmäßig selbst zu bestreiten hatte. Außerdem bestand keine Heizmöglichkeit, und die Wasserzuleitung war abgeschlossen. In den ersten 9 Monaten habe ich nur einen kleinen Raum (2x4 m) benutzen können.  Unter kaum zu schildernden Umständen habe ich trotzdem versucht, meine Arbeit fortzusetzen.“

In der Enge der räumlichen Gegebenheiten fertigte er Ideenskizzen und Linolschnitte zu dem Zyklus „Schwarz und Weiß“, der die Geschichte Deutschlands der vergangenen Jahrzehnte bis zur Gegenwart aufarbeiten sollte. Drückende Geldnöte waren seine ständigen Begleiter. Er finanzierte seine neuen Projekte vom Verkauf einzelner Siebdrucke des „Hafenbau“-Zyklus, dessen Fertigstellung aufgrund der Arbeitsbedingungen ruhen musste, bis das Thema schließlich an Aktualität verlor und ein Beenden als nicht mehr sinnvoll erschien.

1962 konnte er sein altes Atelier wieder beziehen, es folgten Studienaufenthalte in Prag und und Budapest. Im gleichen Jahr heiratete er die Künstlerin Helga Schmidt (1938-2009), 1963 kam die gemeinsame Tochter Carmen Welt. Römhild bemühte sich weiterhin, im Kunstbetrieb der DDR Fuß zu fassen, bestückte Ausstellungen und bewarb sich bei offiziellen Ausschreibungen.

Blatt aus dem Zyklus "Schwarz und Weiß"

Im Zeitgeist des „Bitterfelder Weges“ fertigte er in der Maxhütte in Unterwellenborn Skizzen an und legte 1963 den Radier-Zyklus „Impressionen aus Maxhütte“ vor. Anders als erwartet, zeigen diese kleinformatigen Arbeiten allerdings nicht den heroischen Helden der Arbeit, sondern geben intime Einblick in den Alltag der Stahlwerker.

Aus dem Zyklus "Impressionen aus Maxhütte". Radierung, 1963

Anfang der 1960er Jahre gewann er den Wettbewerb um die Wandgestaltung im Suhler Kulturhaus & Lichtspielhaus. Als Römhilds schlicht gehaltenen, linearen Kompositionen 1962 der Öffentlichkeit präsentiert wurden, entbrannte im Schatten der Formalismusdebatte ein Streit, der in der Zeitung „Freies Wort“ folgendermaßen kommentiert wurde:

„Viele Kinobesucher trugen in das ausgelegte Buch ihre Meinung dazu ein. Die meisten Eintragungen besagten, daß „die Gestaltung zu abstrakt“ sei, daß der Gedanke des Künstlers „realistischer ausgedrückt werden“ müsse. Mit Unwillen fragen einige Besucher: „Was soll das bedeuten?“ „Warum setzt man uns dieses Bilderrätsel vor?“ (…) In einer Zuschrift an die Redaktion schreibt Kurt Römhild: Ohne aufdringlich zu sein, hat der vorliegende Entwurf die Aufgabe, immer wieder auszustrahlen: In unserer Republik gibt es keine Stagnation. Bewegung ist zweifellos vorhanden, aber eine Bewegung, objektivistisch auf die Bildfläche gebracht, eine Bewegung ohne echtes sozialistisches Leben.“

Die Zeitung rief dazu auf, „recht zahlreich an dem Meinungsstreit über diesen Entwurf teilzunehmen“, die Diskussion artete zur Hetzkampagne aus.

Entwurf der Wandgestaltung für das Suhler Kultur- und Lichtspielhaus, 1962

Römhilds Entwurf wurde als Ausdruck der „niedergehenden bürgerlichen Kunst des Westens mit ihren modernistischen Faxen“ abgelehnt. Auch sein Wandbildentwurf für das Kulturhaus in Heiligenstadt von 1963 wurde mit einer ähnlichen Begründung verworfen.

1964 erhielt er vom FDGB-Bezirksvorstand Erfurt den Auftrag, zwanzig Porträts zum Thema „Hervorragende Persönlichkeiten des Bezirkes Erfurt“ in Siebdruck-Technik zu fertigen. Erste Probedrucke zeigten schnell, dass die gewählte Technik im A4-Format nicht die gewünschten Ergebnisse lieferte. Römhild legte daraufhin 6 Probeporträts in Radier-Technik vor. Da der FDGB auf der vertraglich vereinbarten Technik beharrte, musste der Künstler resigniert auch diesen Auftrag abgeben.

Nach den gescheiterten Auftragsarbeiten war Römhild finanziell am Ende. Einen Weg aus der Misere bot der LKG – Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel, Abteilung Bildervertrieb, der auf Kommissionsbasis Künstlerarbeiten für die Bilderkabinette und Kunsthandlungen der DDR sowie für den internationalen Verkauf entgegennahm. Mit der Siebdrucktechnik war es dem Künstler möglich, bei überschaubarem Geldeinsatz größere Grafikauflagen abzugeben. Für den Familienvater Römhild wurde der LKG 1963 zum Rettungsanker aus der prekären finanziellen Situation.

Desillusioniert von dem Unverständnis der Öffentlichkeit für seine Arbeit und der mangelnden Unterstützung durch den Verband Bildender Künstler, zog sich Römhild aus dem öffentlichen Kunstbetrieb zurück, stellte nicht mehr aus, beteiligte sich nicht mehr an Ausschreibungen und Debatten und verdiente nunmehr seinen Lebensunterhalt mit dekorativen Darstellungen und Ortsansichten, die über den LKG vertrieben wurden.

Leipziger Markt. Siebdruck, 1990